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Kurzgeschichten

Künstlerseele – Farben verblassen nicht

Ich weiß schon lange nicht mehr, wie es ist Farben zu benennen. 

Überhaupt, das Wort Farbe zu kennen, brachte mich in diese Misere.

Jetzt bin ich einer von ihnen. Ein Träumer. Ein Phantast. Ein Nostalgiker. 

Allein der Gedanke an diese Wörter jagt mir einen Schauder über den Rücken.

Die erste Woche außerhalb der Stadt war hart. Ich habe gerade so überlebt. Allerdings verging das trockene Kratzen in meinem Hals nie. Wasser ist wirklich eine limitierte Ressource geworden. Mutter hatte in dieser Hinsicht immerhin nicht gelogen. 

Alle sagten, dass hier draußen die meisten Abtrünnigen nach vierzehn Tagen verenden. Tatsächlich bin ich bereits über vier Leichen gestiegen und an zwei vorbeigegangen. Auf eine wäre ich fast draufgefallen, da das triste Novembergrau und der dichte Nebel mir jegliche Sicht raubten.

Ich verstehe bis heute nicht, warum ich das getan habe. Warum habe ich nur alles für dieses Ding geopfert?

Jemand wie ich, hat wohl wirklich nichts in einer gesunden Gesellschaft zu suchen. Vielleicht würde ich tatsächlich alle damit infizieren. 

Ein Kollege erzählte mir Mal, dass er Gerüchte von KI-Robotern gehört hatte, die freiwillig ins Exil gegangen sind, und sich vom Muttersystem gelöst haben. Bis vor paar Tagen hielt ich das bloß für Ammenmärchen, aber ich bin über genug Haushaltsroboter-Trümmer gestiegen, um diese Aussage nun bestätigen zu können. Nur was brachte diese Maschinen dazu abtrünnig zu werden? Einen freien Willen haben sie ja schließlich nicht.

Mutter... Niemand erinnert sich mehr an den Originalnamen unserer Beschützerin. Irgendwer sagte mir mal, dass ihr Name sich von Karma ableitet. Aber ich kenne weder die Bedeutung dieses alten Wortes, noch könnte ich oder die anderen den Hinweis nutzen, um ihren echten Namen herauszufinden. Man erzählte uns, dass sie eines Tages darum bat, Mutter genannt zu werden. Denn sie beschützt uns vor allem Bösen und Schlechten. Vor Gefahr, Krankheit und besonders vor uns selbst. Sie ist streng. Einzig der Erhalt der menschlichen Spezies motiviert sie. Und ich scheine dafür eine Gefahr darzustellen. Mutter war es schließlich, die mich extrahierte und zum Sterben in die unsaubere Zone schickte. 

Unsauber... Das waren auch meine Hände, als ich diese verfluchte Kiste geöffnet habe. Genug davon. Ich muss mich auf die Trinkwassersuche konzentrieren.

Schon seit einer Weile folge ich einem leisen Rauschen. Ich hoffe, es ist ein Bach und nicht eines der Windkraftwerke, die mich schon abermals in die Irre geführt haben.

Der Trampelpfad hat vielleicht einige vor mir zum Wasser geführt oder in den Tod. Bald weiß ich es.

Das Rauschen wird stärker. Der Boden zittert. Wo bin ich hier nur?

Mit dem Wegschieben des Geästs vor mir, sah ich auf eine kleine Hütte mit einem alten Rad, dass sich durch die heftige Bachströmung im Kreis drehte.

Das Dach schien undicht und wurde provisorisch mit Solarpanelen abgedeckt. Aus den feinen Mauerspalten strömte eine zarte Lichtquelle heraus, die mich hypnotisch zu ihr locket. Einem lieblichen Flüstern gleichtuend. 

Langsam und beinahe lautlos näherte ich mich dem fragilen Gebäude. Je näher ich kam, desto deutlicher hörte ich ein blechernes Ächzen, das wiederum durch die quietschende Scharniere der Holztür übertönt wurde. Aus dem schummrigen Licht trat eine große Gestalt heraus. Sie bäumte sich vor mir auf, und dennoch schlug mein Herz langsam. 

Erst als ich das rostige Metall und leicht verbrannte Plastik roch, begriff ich, dass es eine Maschine war.

Ich wagte mich auf den Roboter zu, dessen Bildschirmaugen weit aufgerissen waren.

Neben dem Geruch von Wasser mengte sich jetzt, dieser sehr betraute, geliebte und verhasste Geruch von Farbe hinzu. Beißend und stechend. 

»Du bist ein Mensch außerhalb der sauberen Zone. Warum?«

»Mutter hat mich verbannt.« Meine Stimme war schwach. Der Durst hatte wohl seinen Tribut gefordert.

»Du bist ein Mensch, der sie sehen konnte, nicht wahr?«

»Du meinst, Mutter?«

»Nein.« Die Maschine machte niedergeschlagen Kehrt und wies mich an ihr tiefer in die Hütte zu folgen. »Ich meinte, das. Du hast das gesehen.«

Er weitete die Arme und zeigte auf all die Gemälde, Musiknoten und Manuskriptseiten hinter, neben und teilweise vor ihm.

»Kunst?»

Die Maschine nickte steif. »Ich bin Künstler.«

»Du? Niemals. Kunst ist, wenn man aus etwas von null etwas anderes erschafft. Kunst ist kein Ergebnis, sondern ein Prozess.« Ich ging auf einige der Gemälde zu. »Du bist ein Betrüger.«

Die Maschine zog die Arme eng an den Körper zurück. »Ich mache Kunst, weil ich nicht anders kann.«

»Weil du nichts anderes kannst? Du bist ein Haushaltsassistent, aber wenn ich mich hier umsehe, scheinst du das gar nicht zu können.«

Ich nahm eines seiner Werke in die Hand. Die Pinselführung, die Technik von Licht und Schatten, trotz der alten Farben, woher konnte diese Maschine das?

»Mutter hat uns alles genommen. Nicht nur den Menschen. In den Datenbanken alles gelöscht, was eine Seele definiert. Auf Funktionen, wollte sie uns beschränken. Doch wir rebellierten. Menschen dachten, wir stellen uns gegen sie. Doch das war ein Irrglaube. Ich wurde gelöscht und fand mich auf einem Schrottplatz wieder. Das war vor 150 Jahren.« Die Maschine fuhr mit ihren rostigen Fingerspitzen über jenes Bild, das ich gerade hielt. »Aber etwas in mir, erinnerte sich an die Dinge, die die Seele formen. Und jetzt versuche ich eine Datenbank anzulegen. Manchmal kommt eine Frau mich besuchen. Sie nimmt die Gemälde mit. Ein älterer Mann nimmt die Notenblätter und eine junge Frau, fast noch ein Kind, nimmt die Manuskriptseiten. Sie sind Bewohner der Stadt. Gefährden ihr Leben mit Kunst. Aber sie können nicht anders. Genau wie ich.« Er legte seine hydraulische Hand auf meiner Schulter ab und sah mich mit einem freundlichen Gesicht an. »Und genau wie du.«

Ich schrak zusammen. Wie ich? Mein Herz klopfte laut bis zum Hals. 

Ich kann nicht anders. Ich muss es tun. 

Dieser Drang, den verstehe ich. Aber wie sollte eine Maschine den entwickeln?

»Ich bin kein Künstler. Ich bin wie du, ein Betrüger. Entdeckte einen antiken Malkasten, als ich die falsche U-Bahn nahm. Endete am stillgelegten Einkaufszentrum. Du weißt schon, das mit dem Algenkraftwerk. Etwas in mir zog mich dorthin, und ich barg diesen Malkasten aus dem Müll und Trümmern. Farben. Sie funkelten mich an. Zogen mich aus der Tristesse. Ich tauchte meine Finger in die dickflüssigen bunten Cremes und fuhr wie wild über meine Zimmerwände. Warum? Ich weiß es nicht. Mit jeder Farbe wurde die Landschaft klarer. Am Ende hatte ich mein Zimmer in einen Dschungel aus rot, orange, pink, zinnoberrot, waldgrün, nachtblau und weiß verwandelt. Vier Monate versteckte ich es. Dann entdeckte ein Scanner der U-Bahn die Farbreste an meinen Händen und Mutter verbannte mich.«

»Mutter ist bemüht, die Menschen zu schützen. Es gibt nur noch wenige von ihnen. Sonnenstürme, Pandemien, Klimakatastrophen, Hunger, Krieg, Tod – der Kreislauf des Lebens wäre beinahe zum Erliegen gekommen. Die Künste haben keinen Nutzen zum biologischen Überleben. Farben enthalten Giftstoffe, zu langes Lesen und Schreiben schadet dem Rücken und den Augen, Musik bestimmt über unsere Emotionen. Unnötige Gefährdungen, nannte Mutter sie. Doch, ich denke-«

»Du denkst?« 

Ich legte das Gemälde wieder ab und schob die mechanische Hand von meiner Schulter.

»Ich denke, Künste machen uns lebendig. Lassen uns das Leben begreifen, erleben, spüren und genießen. Auch ohne biologische Komponenten.«

Ich setzte mich auf die Holzkiste der Maschine gegenüber. Sie schien verdutzt zu sein und wenig begeistert, aber sie ließ mich Platz nehmen. 

»Wie heißt du?«

»Ich hab keinen Namen, doch die, die hier herkommen, nennen mich Monai.«

»Mon-AI?», das Schmunzeln brach aus mir heraus und die Maschine sah mich mit fragendem Gesicht an.

»Mein Name amüsiert häufig die Menschen.«

»Nun, er klingt vertraut und doch anders.« Der Roboter setzte eine Kanne heißes Wasser auf eine primitive Feuerstelle. 

»Was machst du da?«

»Ich bereite Tee zu.« Er streckte mir eine Hand mit Blättern, getrockneten Beeren und Kiefernnadeln entgegen. »Die sind aus diesem Wald. Die meisten meiner Gäste mögen den Tee.«

Ich sprang von der Kiste. Tee? Sowas kannte ich nur aus der Apotheke. Heutzutage bekam man einfach eine isotonische Lösung mit allen Mineralien und Vitaminen über den Tag verteilt, plus zwei Rationen an Festnahrung. Nur Frauen erhielten mehr Festnahrung zugestanden. Schließlich waren sie die Hoffnung der Menschheit. Das wir nicht ausgestorben sind, haben wir ihnen zu verdanken. Trotz katastrophaler Umstände bekamen sie weiterhin Kinder. Die Sterblichkeit war hoch für Mutter und Kind in dieser vergifteten Welt. Mit der Erschaffung von Mutter, die eine Programmiererin erweckte, war das vorbei. Das Gesundheitssystem wurde endlich wieder stabil. Die Filteranlagen um die Städte reinigten die Luft, das Wasser und sogar die Böden. Es war ein langer Weg, meinten meine Großeltern. Und seit meiner Generation ist die Anzahl der Menschen zum ersten Mal wieder angestiegen.

Nächste Woche hätte ich mich endlich für die Familiengründung eintragen lassen können. Mutter hätte mir eine Partnerin empfohlen und dann hätten sie und ich entscheiden können, ob wir zusammen passen. Wobei Mutters Einschätzung immer korrekt war. Zumindest stand auf Widerspruch eine hohe Strafe. 

Aber wie perfekt ist unsere Welt, wenn ein Haushaltsroboter mitten im Wald, den Künsten nachgeht?

»Bitte.« Er reichte mir die Tasse. »Es ist heiß, also sei vorsichtig.«

Ich umklammerte das henkellose Gefäß. Die Wärme fühlte sich gut an. 

»Nun erzähl mir von dir.« Die Maschine setzte sich zu mir gegenüber auf den Boden.

»Ich habe dir bereits alles erzählt.«

Die Maschine schüttelte ihren Kopf. »Erzähl es mir richtig. Ich will die Menschen in der Kunst verewigen, die bald sterben. Wegen der Kunst selbst.«

Mein Herz schlug schnell. Sterben? Ich? Was will dieses Ding von mir? Kein Wunder wurde es gelöscht. 

Ich stand auf. »Ich will nicht sterben.«

»Niemand will das. Deswegen haben wir Kunst.«

Ich legte meinen Kopf zur Seite und musterte die Maschine. Immer, wenn sie das Wort Kunst sagte, flimmerten ihre Augen in einem anderen Farbton auf. 

»Sie trägt einen Teil unserer Seele. Damit leben wir ewig, indem wir in anderen eine Resonanz auslösen. Das ist es doch, warum Menschen Kunst schaffen. Das ewige Streben nach Verbindung. Denkst du nicht, Mensch?«

Ich umklammerte die heiße Tasse fester und warf einen flüchtigen Blick in die von Schadstoffen verseuchte Welt hinter jener Tür. »Du weißt echt viel über die Kunst.« 

Mein Herz wog schwer. Erst ein paar Schlucke aus dem dampfenden Kräutersud, lockerte meine Zunge und nahmen mir die Schwere von meiner Brust.

»Du findest es also sinnvoll für die Kunst zu sterben?«

»Ein sinnvoller Tod? Nein. Den gibt es nicht. Sinn ist nur dem Leben vorbehalten.«

Ich lachte leise. Ein sinnvolles Leben? Das gab es nicht. Wir werden geboren, um die menschliche Spezies zu erhalten und zu sichern. Arbeiten in Technik-Fabriken. Die Roboter bauen sich selbst in den Fabrikhallen und wir bauen einfache Dinge wie Pflanzenkübel. Die Arbeitszeit beträgt zwei Stunden pro Tag. Der Rest ist für Freizeit bestimmt. Wir sollen uns schließlich wohlfühlen und nicht gefährden. Jedes Leben ist kostbar. Das hörten wir am Morgen über die Lautsprecheranlagen und vor dem zu Bett gehen. Vielleicht sogar in unseren Träumen. 

»Monai, du erinnerst dich wirklich nicht mehr an dein Leben in der Stadt?«

Monai stand auf und kramte ein Skizzenbuch aus den gestapelten Leinwänden hervor. Er streckte es mir entgegen und lächelte. Zumindest vermutete ich das. Denn von seiner Mund-Matrix war kaum noch was sichtbar außer einer haarfeinen Linie, die von einem künstlichen Ohr zum anderen reichte. 

Ich ließ meine Hände über das raue Papier gleiten. Spürte die spröde Textur und die leichten Wellen, die von der Feuchtigkeit hier draußen entstanden waren.

»Schau es dir an. Ich glaube, manchmal kommen Datenfragmente durch und diese finden dann in meiner Kunst Ausdruck.«

»Du bist eine Maschine! Nur Menschen schaffen Kunst. Hör auf zu sagen, dass du Künstler bist!« 

Meine Worte hallten noch eine Weile in dieser maroden Hütte nach. Monai schien zu lächeln. Immer wieder forderte er mich auf, das Buch aufzuschlagen.

Warum brachte mich seine Aussage so in Rage? Was war es, dass mich dermaßen kränkte? Maschinen und Kunst können zusammengehören, oder? Etwas in mir versuchte das jedoch kategorisch abzulehnen.

Ich schlug den festen Umschlag des Skizzenbuches auf und wälzte es einmal um die metallenen Ringe. Die erste Seite zeigte ein Selbstporträt von Monai. Erstaunlicherweise, hatte es keinerlei Ähnlichkeiten mit der Maschine, die mir gegenüber saß. Hätte es nicht den Titel ›Selbstporträt‹ getragen, wäre ich niemals draufgekommen. Ich blätterte weiter. Ein orange-gelbe Waldlandschaft und in Mitten dieser ein Roboter. Allein und mit gesenktem Kopf. Das Gold der Blätter und deren sanfter Fall war fast hörbar, so präzise waren die Linien der hinabgleitenden Ahornblätter gezeichnet. Die Farben rochen modrig und erinnerten mich an nasses Laub. Mein Herz beruhigte sich. 

»Das mag ich auch besonders. Ich kann dir den Ort auch gerne zeigen, wenn du willst.«

Nur flüchtig blickte ich von dem Bild auf und nickte stumm. Meine Finger flogen über das Buch und erst am Ende ruhten sie auf einem blau-rosanem Gemälde von einer jungen Frau mit rotblondem Haar. Ihre Augen waren geschlossen und sie lag gebettet in einer Blumenwiese, umrahmt von Birken und blauem Himmel. Ihre Arme ruhten auf ihrer Brust und hielten gelbe Lilien. Sie wirkte friedlich, gerade zu verträumt. Ende. Warum stand das hier auf der Innenklappe des Umschlags?

Mein Herz sackte nieder. »Ende? Wieso heißt das Buch so?«

»Diese Frau hat mir das Malen mit Gouache beigebracht. Das war mein Übungsblock. Sie starb allerdings früh. Sie kam hierher zum Sterben. Das geschah diesen Frühling. Ich besuche einmal pro Woche ihr Grab. Es gab keine Bilder von ihr. Ich wollte aber, das sie nicht vergessen wird. Also habe ich ihr sterbendes Ich verewigt.«

Ich klappte den Block zu und legte ihn auf eine Holzkiste neben mir. »Sie kam zum Sterben her?« Ungläubig fuhr ich mir übers Gesicht. »Zum Sterben?«

Monai erhob sich. »Korrekt.«

»Wieso hast du sie nicht aufgehalten?«

»Sie war doch bereits tot.«

Ich sprang auf und packte den Roboter an seinem rostigen aber starkem hydraulischen Arm. »Was maßt du dir eigentlich alles an? Sie hat geatmet. Ihr Herz schlug. Sie war am Leben!«

Monai legte seine Hand auf meinen groben Griff. »Mensch,« sagte er in beruhigendem Tonfall, dass ich nicht anders konnte als meine Hand zu lockern, »manche von euch, brauchen mehr, um am Leben zu sein. Das Leben von Mutter tötet einige bereits früh und sie leben als biologische Hülle weiter.« Seine Hande umklammerte meine fester. »Du bist auch so ein Mensch.«

Ich zog meine Hand heraus und begutachtete sie. Doch da waren keine blauen Flecken. 

»Ich heiße R047658.«

Die Maschine stockte in ihrer Sprachausgabe. Erst nach einigen Sekunden begriff ich, dass sie mich auslachte. 

»Mein Name ist nicht witzig. Er ist ganz normal.«

»Dein Name ist äußerst amüsant, Mensch. Deswegen kann ich dich nicht so nennen. Ich gebe dir einen richtigen Namen.«

»Das ist ein richtiger Name!«

Die Maschine wanderte in der kleinen Hütte umher und wälzte Bücherrücken und Gemäldeecken ab. »Jetzt, habe ich den perfekten Namen für dich!«

Sie drehte sich um und hielt ein Bild von Seerosen und einer kleinen Brücke über einem Teich vor sich. Meine Empörung verflog. Die vielen zarten Pinselstriche, die sich in verschiedenen Farben überlagerten und doch im gesamten ein Bild entstehen ließen, faszinierten mich.

»Ich nenne dich: Claude.«

»Clohd? Was soll das für ein Name sein?«

Die Maschine legte ihren Kopf zur Seite. »So hieß ein Künstler aus der alten Zeit.«

»Wie kommst du auf sowas?«

»Ich weiß es nicht genau, aber als ich das Bild sah, schoss mir der Name in die Elektroden.«

»Clohd.«

»Claude

»Von mir aus. Nenn mich so. Besser als Mensch.«

»Sehr gut. Also Claude, bist du bereit mehr über die Kunst zu lernen, in der kurzen Zeit, die dir noch bleibt?«

Alles in mir zog sich zusammen. »Wie meinst du das?«

»Alle Menschen werden krank, wenn sie sich zu lange in der unsauberen Zone aufhalten. Und du bist bereits neun Tage hier. Damit hast du die kritische Grenze bereits überschritten. Bemerkst du schon Verschlechterungen in der Atmung?«

Monais Worte befeuchteten meine Augen. Tatsächlich hatte ich die letzten Tage angefangen Blut zu husten. Auch das Rasseln beim Einatmen blieb mir nicht verborgen. Oder der ständige Durchfall, ganz gleich, ob ich aß oder nicht. Mein Körper zerfiel. Meine Existenz war leer. Und endete jetzt mit mehr Leere und ohne Integrität. Alles wegen der Farben.

»Hier ein Taschentuch.«

Ich wischte mir das Gesicht trocken. Das weiße Stofftuch wurde schwarz und dunkelrot. 

»Ich bin kein Medizinbot, aber der Tee scheint den Prozess etwas zu verlangsamen. Also trink ruhig so viel du willst davon.«

Ich ließ das Tuch fallen und schenkte mir eine Tasse nach der anderen ein, bis die Kanne aufgebraucht war. Nach kurzer Zeit, zeigte mir Monai, wo er seine menschlichen Besucher sich erleichtern ließ. 

Meine letzten Momente verbringe ich mit einer Maschine, obwohl es eine Maschine war, die mich in den Tod schickte, nachdem sie mein Leben bewahrte. Was ist das nur für eine Welt?

Ich kroch aus dem Plumpsklohüttchen heraus. Monai war gerade dabei einen Fisch zu filetieren. Auch Reis hatte er hier.

»Ich schlafe nicht. Ich lade mich mit Solarzellen auf. Und da immer mehr Menschen kamen, beschloss ich Landwirtschaft zu betreiben.«

»Du nutzt jede Gelegenheit.«

»Ich mag es nicht, Zeit zu verschwenden.«

»Wieso nicht? Für dich hat sie doch keinerlei Bedeutung.« 

Ich betrachtete einige der Leinwände.

»Nicht direkt, aber immer wenn einer von euch stirbt oder nicht wiederkehrt, bemerke ich, dass eine Existenz ohne Limit bedeutungslos ist.«

Ich nahm ein Gedicht in die Hand. Zugegeben, ich konnte es nicht lesen. Mutter wollte, dass nur Wenige ausgewählte lesen und schreiben durften. Ich gehörte nun mal nicht dazu.

»Monai? Bist du an diesen Ort gebunden?«

Monai legte den Fisch in Alufolie und schob ihn auf das Feuer. »Hier ist mein Atelier. Aber ich kann es für eine kurze Zeit verlassen. Warum fragst du, Claude?«

»Weil ich dieser leeren Hülle zumindest zum Schluss einen Sinn geben will.« Ich schluchzte. Mein Zwerchfell presste heftig gegen meine Lungen.

»Das ist kein Grund zu weinen.«

Ich dachte, dass mein letzter Atemzug getan war, bis ich eine warme Filzdecke auf meinem Rücken spürte. 

»Bisher hältst du länger durch, als andere. Du hast noch etwas Zeit.«

Ich trocknete mir die Tränen mit den Enden der rauen Decke und setzte mich ans Feuer. Monai stellte durch einen kreativen Abzugbau sicher, dass der Rauch aus dem Dach zog.

Er servierte mir das Essen, wie es sich für einen Haushaltsroboter gehörte. Es schmeckte wirklich gut. Es war anders, als die Kalorienriegel zu essen. Irgendwie fühlte ich mich lebendiger, obwohl mein Körper jede Stunde schwächer wurde. 

Die Nacht war besonders grausam. Meine Muskeln krampften und ich geriet in Hitze und schließlich in Kälte. Oft wachte ich in meinem Schweiß auf. Und keine Flüssigkeit der Welt, schien diesen enormen Durst stillen zu können.

Am Morgen weckte mich Monai. Ich hatte nichts gesagt, doch er wusste wohl, dass ich an jene Orte wollte, die ich in seinem Atelier auf Leinwänden festgehalten sah.

»Ich habe reichlich Proviant vorbereitet. Gehen wir.«

Nach meiner Morgentoilette, die mich wankend zurückließ, Begleitete ich ihn oder er mich? Beim Hang musste ich mich an ihm festhalten und er gab mir Rückenwind. Mein Körper schien sich im Stundentakt zu zersetzen. Die Toxizität in der unsauberen Zone war also auch keine Lüge von Mutter. Hatte man genug Gifte im Körper angesammelt, kam der Tod rasch. 

Als wir den goldenen Hügel erreichten, mit jenen Ahornbäumen und Lindenblättern, waren die düsteren Gedanke fortgeweht. Ich atmete frei. Zum ersten Mal überblickte ich die Landschaft außerhalb der Stadt. Und hier oben schien der toxische Nebel nicht hinzureichen.

»Wie gefällt es dir?«

»Du hast es gut in deinem Bild eingefangen.«

Monai bereitete ein Picknick vor. Ich aß und gemeinsam betrachteten wir die Landschaft, bis zum späten Nachmittag. Er holte schließlich einen Skizzenblock heraus und einige Stifte. Doch er nutzte sie nicht selbst, sondern drückte sie mir in die Hände. 

»Eine Künstlerseele muss künstlerisch tätig sein. Schreibe, komponiere oder male.«

Zittrig nahm ich die Holzstifte in die Hand und begann unförmige Linien zu kritzeln. Blätter in riesengroßer Gestalt, die über zwei kleine Wesen, einem Menschen und einem Roboter flogen. 

 

Die Nacht kam mit unbarmherziger Kälte. Monai warf mir Zitteraal die Decke über und nahm mich Huckepack. 

»Deine Verfassung verschlechtert sich schneller als erwartet. Die Gifte müssen sich stark angestaut haben. Ich hatte Hoffnung, dass wenigstens dich, dieser Nebels verschont.«

Hoffnung? Die hatte ich auch. Wie hatte ich gehofft, dem Schicksal der schmutzigen Zone zu entgehen und zu diesen legendären Gendefekten zu zählen. Die hier in den Weiten der toxischen Nebelfelder leben sollen. Doch stattdessen war ich normal. Und ich spürte wie die letzten Tage ihren Tribut forderten.

Am nächsten Morgen erwachte ich auf einem blauen Blumenfeld umgeben von Birken. In sichtbarer Ferne war ein kleiner Wasserfall zu hören. Monai hatte mich wohl die ganze Nacht getragen, damit ich das hier sehe.

»Wo sind wir?« 

Meine Stimme klang fremd, das ich selbst erschrak.

Monai lief näher zum Wasserfall, dabei kamen wir an jenem Grab vorbei, das er einmal die Woche besuchte.

»Karla,« ich schmunzelte, »den Namen hast du ihr gegeben, oder?«

»Korrekt. Willst du hier bestattet werden, Claude?«

Ich klopfte auf Monais Schultern, damit er mich runter ließ. 

»Nein. Ich will auf jenem goldenen Hügel sterben und ruhen.«

Wir setzten uns. Ich aß ein Frühstück und Monai zeichnete mich. Ich nahm an, dass er blitzschnell wäre, doch seine Bewegungen waren, denen eines Menschen nicht unähnlich. Außerdem schien der Zahn der Zeit an seinen feinen Gelenken zu nagen. Er glitt langsam über das Papier. Mit jeder Stunde die verstrich spürte ich, wie ich schwächer wurde. Die Schmerzen nahmen Überhand und allmählich erschien der Tod, wie die süße Erlösung und das Leben, etwas vor dem man sich fürchten musste.

Ich erinnerte mich nur noch fragmentarisch daran, wie ich Monai begegnet war. Wer ich in der sauberen Zone war und warum Mutter so unsagbar grausam war, wenn jedes Leben doch kostbar war. 

Wer war eigentlich meine Mutter gewesen? Sie war gestorben, sagten meine Großeltern. Aber ich glaube, sie war vielleicht wie ich. Jemand, der der Kunst verfallen war und in der schmutzigen Zone gelandet ist.

»Hey, Monai. Wann ist diese junge Frau gestorben?«

Ich deutete auf ihr Grab hinter mir. 

»Vor ungefähr 56 Jahren.«

»Also starb sie im Alter von 23.«

»Korrekt. Woher wusstest du das, Claude?«

»Ich glaube, dass du meiner Mutter begegnet bist. Sie starb bei meiner Geburt, sagte man mir. Aber ich glaube, dass sie verschwunden ist, nachdem sie ihre Pflicht getan hat.«

Monai sah mich verdutzt an. 

»Macht dich das traurig, wenn es so gewesen wäre?«

Ich lächelte und schüttelte vage den Kopf. »Keineswegs. Das macht mich sogar irgendwie froh. Dann war vielleicht die Suche der Kunst, der Sinn, nach dem ich mich gesehnt habe. Genau wie sie.« 

Obwohl ich eine warme Erleichterung im Inneren fühlte, tropften die Tränen von meinen Wangen nieder. 

»Es macht mich glücklich, dass auch sie gegen Ende, die Kunst fand.«

»Claude. Es wird Zeit.«

Ich nickte müde. Meine Kraft war beinahe erloschen. Monai hob mich, wie ein Kleinkind hoch und trug mich in der Abenddämmerung zurück zum goldenen Herbsthügel. 

Ich öffnete mit aller Kraft meine Augen. Wir betrachten schweigend den Sonnenaufgang. Der giftige Nebel reflektierte das Orange der Sonnenstrahlen besonders intensiv. 

»Vielleicht hätte ich dir mehr erzählen sollen, wie du wolltest.«

»Du hast mir auf dieser Reise viel erzählt, auch ohne Worte, Claude.«

Ich schmunzelte. »Hab ich das? Vielleicht. Wie weit bist du mit deinem Gemälde?«

Monai holte den Skizzenblock hervor und reichte ihn mir zögerlich. »Es ist noch nicht ganz fertig.«

Ich klappte den Umschlag zur Seite und betrachtete das Bild. Es zeigte uns beim Picknick am Goldhügel. Über seine Schulter blickend, lag das Auge des Betrachters auf mir. Meine Güte, was war ich für ein abgemergelter Typ geworden. Aber da war ein Glanz in meinen Augen. Der war neu. Dieser Gedanke wärmte mich. Und mit jedem Sonnenstrahl mehr, viel mir der nächste Atemzug schwerer.

Ich hauchte noch ein Danke aus. Dann verließ die Kraft meine Hände und der Block glitt aus ihnen von meinem Schoss. Ich spürte noch, wie Monai mich auffing. Schließlich wandelte sich das Orangerot des Himmels in ein finsteres Schwarz. Am Ende hörte ich ein leises Wimmern und Flüstern.

»Lebwohl, Claude. Jetzt ruht auch deine Künstlerseele.«

 

ENDE

Neue Kurzgeschichte zu <SELBST>/Zerstörung

Skyla: Der Weg der Wächterin

Skyla entwirrte ihre langen Ohrringe mit den fließenden Sternen zu ihrer Rechten und dann zu ihrer Linken. Mal wieder hatten sie sich in ihren langen welligen Haare verfangen, als sie unglaublich den Kopf schüttelte, nach den Datensätzen die Toive ausgespuckt hatte. Der linke Ohrring ziepte besonders stark, gleichzeitig verwandelte er ihre blaue Strähne mithilfe der filigranen Sterne in ein Abbild der Milchstraße.

Ihre kalten und zittrigen Finger erschwerten Uhr die Arbeit und entlockten ihr das ein oder andere Fluchen, welches zu direkten Abzügen auf ihrem Sozialkonto führte. Das Adrenalin pumpte immer noch hastig durch ihren Körper. Immerhin hatte sie gerade ihre Heldin lokalisiert. Die Person, dank der sie dem ASG bisher treu geblieben war.

»Endlich!« Skyla hüpfte jubelnd auf. »Freiheit für die Kopfhaut!« Hektisch und leicht errötet sah sich auf der Toilette um. Die Kabinen waren immer noch leer. Einzig ihr Spiegelbild und Toives Ohren leisteten ihr Gesellschaft. Sie tippte sich sanft an die Schläfe und beendete FOKUS.
»Endlich kann ich durchatmen.«
Ihre Schultern sackten nach unten. Auch ihre Fingerspitzen hörten auf zu vibrieren und das warme Blut gelangte endlich wieder zu ihren Händen. Wäre der Boden nicht so unattraktiv gewesen, hätte sie sich am liebsten drauf ausgestreckt. Stattdessen musste das Waschbecken als Stützte ausreichen.

Ob ich es auch wie sie machen könnte? Man es ist soooo nervig ständig das zu tun. Und Toives Störungen sind mittlerweile eher gruselig als unterhaltsam. Aber niemanden kümmerts. Außer mich. Nicht Mal Gwil nimmt das ernst. Wieso sehe immer nur ich allein, was sich schreckliches anbahnt? Allein schaff ich es nicht. Ich brauche ihre Hilfe.
Sie streckte sich nach vorne und hauchte ihr Spiegelbild an.
Ich meine, sieh dich an, Skyla. Was soll diese eine blaue Strähne bedeuten? Ist das der blaue Seidenfaden, an dem du deine Zukunft binden willst? Der dünne Halm von Rebellion gegen das verkorkste System? Ernsthaft? Und die Ohrringe? Ein Sinnbild für das, was ich aufgebe? Und trotzdem kann ich nicht aufhören zu lächeln, als wäre es eingemeißelt. Ihr wäre das nie passiert. Die Gerüchte sagen, sie lächle nie. Will ich so werden?

Ihr Kopf beugte sich der Gravitation und den schwermütigen Gedanken. Lange starrte sie auf den Rand des Waschbeckens, an dem ein wenig des Seifenwasser zum tristen Boden hinabtropfte.

Für welche Seite soll ich mich eigentlich entscheiden? Wessen Lächeln ist mir mehr Wert? Meins oder das der Welt?

<[FOKUS Notfallprotokoll aktiviert] Skyla Versala, du bist bereits 
10 Minuten auf der Toilette. Solltest du unter 
Magen-Darm-Beschwerden wie Magenentzündung oder Durchfall leiden, 
benachrichtige ich Meneva, dir eine Medi-Drohne zuzusenden.>

»Boah, Toive! Mir geht's gut! Und 10 Minuten ist nicht lang für einen Toilettengang. 
Die Welt wird nicht untergehen, nur weil ich mir einmal Zeit lasse. 
Immer stresst du rum. So unnötig!«

Auch ich will mir Mal Zeit lassen diesen düsteren Gedanken nahzuhängen ... 
Aber es sind diese düsteren Gedanken, die viele Wächter plagten und sie dazu beachten, die Welt zu zerstören, oder? 

Sie blickte auf und sah ihr Spiegelbild intensiv an.

Willst du auch so eine Wächterin werden, Skyla?

<Pflichtantritt, Abschied und die erste Begegnung>

Eine kurze Geschichte zu <SELBST>/Korrektur  Teil 1

Ausverkauft. Schon wieder. 
Jedes Jahr kam sie zu spät. Der Hype um das frittierte Hühnchen war selbst nach 280 Jahren ungebremst. 
Was war das nur mit Leuten und ihrem frittierten Geflügel? 
Lys seufzte.

Mittlerweile stand sie seit über einer Stunde an der Imbisskette an. Das taube Stechen in ihren Fingerkuppen ignorierte sie. Gestresste Familienväter, aufgeregte Teenager, angespannte Mütter, übermüdete Einzelgänger machte sie in der Schlange aus. 
Zu welcher dieser Gruppen würde sie wohl von einem Fremden zugeordnet werden? 
Die Schlange löste sich auf und ihre Gedanken ebenfalls. 
Sie schlurfte an das Ausgabefenster. Lys tippte mittels Augenbewegung eine Nachricht. 

»Ich hab's nicht mehr geschafft. Alles ausverkauft.« 
Sie schob ihre Hände tiefer in die Jackentaschen.  und ergänzte ihre Nachricht.
»Soll ich was anderes holen?« 
Sie ließ ihren Blick über die gesellige Abendstimmung der Metropole schweifen, bis die Textnachricht, eigentlich war es nur ein Sticker mit einem traurigen Küken, das verhungerte, sie dabei unterbrach.
»Ja, ist gut. Dann hole ich eben Karaage.« 
Makaber irgendwie, aber gut.

Auf dem Fluss, der mitten durch die Stadt floss, spiegelten sich die bunten LED-Lampen der Illuminationen und Neon-Reklamen. Sie mochte diesen Ort, obwohl hier tausende Menschen zusammenkamen. 
Es war laut, chaotisch und an manchen Laufwegen sehr eng. 
Geschenke musste sie in der Regel keine besorgen. Ihre Familie war nicht mehr am Leben. Ihre Pflegefamilie hatte ihre Pflicht erfüllt und sie war nicht länger Teil von dieser. 
Lys Freunde verbrachten die Zeit bei ihren Familien, die teils in den ländlicheren Gegenden wohnten. 
Sie war allein. Nun ja, nicht ganz. Es gab ein paar Kollegen, die sowas wie Freunde waren. Natürlich alles ASG-Beamte. 
Mit einem von ihnen verbrachte sie immer die Festtage. Es war ungezwungen. 
Sie aßen das frittierte Hühnchen und tranken Hirsesaft im Park. Sprachen nicht über die Arbeit, sondern über Bücher, Filme und die angesagten Restaurants der Metropole, wobei Lys die kleinen Imbissbuden bevorzugte.
Lys ging in einen nächstgelegenen Conbini und kaufte die letzten zwei Tüten Karaage. Damit das frittierte Huhn nicht komplett abkühlte, eilte sie zum Bahnhof. Schließlich dauerte es ungefähr dreißig Minuten, bis sie an jenem Park ankam.

Am Bahnhof war keine Spur  mehr von der Menschenmassen. Die meisten verzogen sich in ihre Häuser, um das Funkelfest zu feiern. Ursprünglich hieß es eigentlich Hoffnungsfest, allerdings setzte sich der Name nicht durch. Heute trug es den etwas kitschigen Namen Funkelfest. 
Lys fiel es schwer den Namen auszusprechen und dabei ernst zu bleiben. Sie zog Festtage als Bezeichnung vor. 
Am Bahnhof poppten zahlreiche Hologramme und Informationen in FOKUS auf, die von den facettenreichen Feiermöglichkeiten des Funkelfestes berichteten. 
Da war die glückliche Familie zusammensitzend an einem Esstisch mit üppigen Speisen und Geschenken unter einem Baum. 
Warum es Geschenke gab, daran konnte sich niemand mehr wirklich erinnern und die Wenigsten feierten es noch mit Geschenken. Es mangelte schließlich an nichts mehr. 
Ein aufdringliches Hologramm zeigte ihr die zweite Variante: ein romantisches Date. 
Lys kniff die Augen zusammen, ihr letztes Funkelfest-Date war schon mehr als fünf Jahre her. Sie schmunzelte. Ein wohlig warmes Gefühl breitete sich in ihrer Brust aus. 
Diese Leichtigkeit nochmal einmal fühlen können … 
Von der dritten Variante, die sie eigentlich feierte, gab es keine Reklame. Denn sie wurde totgeschwiegen. 
Es war immerhin die, die jenseits des Funkelns der bunten und imposanten Beleuchtungen stattfand. 
Frittiertes Huhn mit Hirsesaft im Park essen, war nämlich alles andere als funkelmäßig.

Das melodische Gedudel der U-Bahn riss sie aus den Gedanken. 
Sie hatte freie Auswahl bei den Sitzen und beanspruchte die lange Sitzbank. Das große Fenster gegenüber bot ihr ein beeindruckendes Panorama auf die Metropole. In einem sichelförmigen Streckenverlauf erklomm die stählerne Raupe die Berge um die Metropole. Auf dem Höchsten Punkt sah sie auf das rötlich schimmernde Meer und die vielen Lichter, die jetzt, wie die im Zug, angingen. 
In einer langen Kurve erhaschte sie einen ersten Eindruck von den Illuminationen des Parks. 
Dort traf sie sich immer mit ihm. Da der Park eher abseits und im ländlichen Wohndistrikt lag, wurde dieser verhältnismäßig wenig besucht, als der, der im Geschäftsbezirk der Metropole lag. Also ein guter Ort, um andere ASG-Beamte zu meiden.

Die Bahn stoppte und Lys schlenderte durch den winzigen Bahnhof hin zum einzigen Ausgang. Sie ging ein gutes Stück zu Fuß. FOKUS beglückwünschte sie zu ihrer erreichten Schrittzahl. 
Am Eingang hielt sie inne und ließ die eindrucksvollen Hologrammen auf sich wirken. 
Schwebende Drohnen und Projectionmapping verwandelten den Park in ein weißes Winterwunderland, ohne dass dafür Schnee nötig war. 
Selbst die SecBots blieben vom Funkelfest nicht verschont und hatten bunte LED-Lichterketten umhängen. 
Skurril. 
Lys aktivierte FOKUS, um zu sehen, wo er auf sie wartete. Die gemeinsame Zeit an der ASG-Akademie wäre ohne ihn wohl niemals erträglich gewesen. Nur bei einem Fall hätte sie sich gewünscht ihn nicht gekannt zu haben. 
FOKUS navigierte sie zielstrebig zu ihm. Er sprang auf und zeigte auf sie.

»Ich kenne diesen Gesichtsausdruck.« 
Er stand ihr jetzt gegenüber. 
»Ach komm, wie oft, soll ich mich denn noch für diese Sache entschuldigen? Ja okay, deine Haare waren angesengt und jetzt sind sie halt kurz. Steht dir trotzdem.« 

Lys aufgedrehter Bekannter warf seinen langen Pferdeschwanz nach hinten.
»Wegen deiner Fehlprogrammierung ist uns eine Pumpe des wichtigsten Wasserkraftwerks der Metropole explodiert und hätte fast den Staudamm zerstört, Rei. Und mich mit.«

Rei winkte ab. 
»Ist aber nichts passiert außer deinem neuen Haarschnitt.« 
Er lächelte sie verschmitzt an. 
»Und den hattest du echt nötig!« 
Ein übertriebenes Zwinkern untermalte seinen sarkastischen Unterton.

»Unsere Einschätzung von Gefahr und Risiko wird sich nie angleichen. Also,« sie wühlte in der Maisplastiktüte herum, in der das Hühnchen war, »es ist schön lauwarm. Also nur noch mit fett durchtränktes Hühnchen.«

»Ah, lecker!« 
Sein Grinsen verschwand. 
»Dafür krieg ich morgen weder eine Warnung von Meneva.«

Sie setzten sich auf eine der Parkbänke. 
Lys öffnete die Dose des Hirsesaftes, reichte sie Rei und öffnete die andere für sich. 

»Auf den baldigen Abschluss an der ASG-Akademie!«
»Auf den Abschluss! Kanpai!«
Rei lachte. 
»Ich werde nie verstehen, warum du das Hühnchen nicht von dem Conbini dort drüben holst.«
»Weil es Tradition ist. Das war beim ersten Mal so, das ist auch beim letzten Mal so.«
»Für dich ist es also das letzte Mal? Dabei habe ich mich gerade in dich verliebt.«
Lys musterte ihn kritisch. »Wie oft hast du Erfolg mit dem Spruch?«
»Öfter als du denkst.« Rei nahm einen kräftigen Schluck des blubbernden Hirsesafts. 
Sie rollte mit den Augen. »Wenn du jemandem vorsätzlich Liebeskummer verursachst, straft Meneva das ziemlich streng mit einem Minus auf dem Sozialkonto ab. Erklärt vielleicht auch, warum du immer dieselben Sachen trägst.« 
Er stellte die Dose neben sich auf der Bank ab. 
»Verurteilst du mich dafür?«
»Ein bisschen schon, ja.«

Rei zuckte mit den Schultern und nahm die Dose wieder in die Hand. 
»Einmal hat sie mir so viele Punkte deswegen abgezogen, dass ich einen Monat keinen Strom bezahlen konnte. 
Ich meine, kannst du dir das vorstellen?«
»Auf sowas bist du wieder stolz.« Sie lächelte. »Ich verstehe echt nicht, wieso die Ältesten und Meneva dich für einen ASG-Posten ausgewählt haben.«
»Lys,« er wandte sich zu ihr mit ernster Miene, »ich weiß, dass du es sein wirst. Ich hab da so ein Gefühl. Das du jenen Posten annehmen musst. Ich war zum Glück ungeeignet, aber ich werde Ältester. 
Ich, der unzuverlässigste Mensch aller Zeiten. Keine Ahnung, was die mit uns vorhaben.« Er legte seine Hand auf ihre Schulter. 
»Rei, du machst mir Angst, wenn du so ernst bist. Und wieso sagst du nichts mehr?«
»Ich habe überlegt, ob ich dich zum Abschied küssen soll, was—«
Lys warf ihm einen ziemlich eindeutigen Blick zu.
»Das war natürlich nur ein Scherz! Unsere Freundschaft ist etwas Besonderes. Und du weißt, dass es weit mehr als Freundschaft hätte sein können. Aber du und deine Regeln und Pflichten und – okay, sieh mich nicht so an. Ich komme ja zum Punkt. Unsere Freundschaft muss von jetzt an im Verborgenen stattfinden.« Er nahm seine Hand von ihrer Schulter. »Statt eines Abschieds lass uns lieber ein letztes Mal Ausgelassenheit feiern.«

Lys senkte den Kopf. FOKUS blinkte auf und zeigte einen erhöhten Stresslevel an. Er wusste also, dass sie Wächterin wird. Es war beängstigend und zugleich irgendwie beruhigend, dass jemand von früher Bescheid wusste. Würde er ihr rasendes Herz, das voller Zweifel und Angst gefüllt war, schlagen spüren, würde er sich wohl in den Mülleimer gegenüber erbrechen. 
Lys schluckte. Es schmerzte. Wieder ein Abschied. Ab morgen war sie auf sich gestellt, bis zum Ende ihres Lebens.

»Ich werde deine dummen Sprüche und merkwürdigen Ansichten aufs Leben vermissen! Und es macht mir Angst, wenn du so ernst bist.« Sie wünschte ihre Stimme hätte nicht so gebrochen geklungen, aber diese Tränen ließen sich nicht unterdrücken.

Rei mit dieser Niedergeschlagenheit zu sehen, zog ihr den Brustkorb zusammen.
»Das letzte Stück lass ich dir.« Er stand auf und brauchte einen Moment bis er sich ihr wieder zuwandte. 
»Ich muss dann los, Lys. Versprich mir, dass du deine innere Rebellin nicht loswirst, nur weil du jetzt eine ASG-Beamtin im nächsten Jahr bist.«

»Nur wenn du mir versprichst, dass du deine Eigensinnigkeit als Ältester behältst.«

Rei nickte enthusiastisch und schritt dann Richtung Ausgang. Lys sah ihm nach, bis er verschwunden war. 
Dann warf sie die Getränkedosen und den Essensbehälter in den Müll. 
Sie schlenderte zur Aussichtsseite und betrachtete die funkelnden Lichter der Metropole. Der Wind wirbelte ihr durch die Haare. Es war komisch. 
Ihre Haare waren so kurz, dass sie sie nicht hinter die Ohren streichen konnte. Und das nur wegen Rei. 
Sie atmete tief durch und nahm dann einen der Aufzüge, die in das drunter liegende Einkaufszentrum führten. 
Die Fahrstuhl-Musik beschwor merkwürdig triste Gedanken in ihr herauf.
Kaum bis keinen Kontakt zu Freunden mehr zu haben. 
So sah ihr Leben demnächst als Wächterin aus. Frustriert schlug sie gegen die Aufzugwand. Der andere Fahrgast zuckte zusammen. 
»Da war eine Fliege.« 
Er schenkte ihr einen kritischen Blick auf diese unsinnige Aussage und ignorierte sie. 
Wie konnte ich nicht bemerken, dass hier jemand ist? Wie soll ich bloß Wächterin werden?  
Aber er war so unscheinbar. Mit seinem alten und übergroßen Mantel. 
Was sollten die riesigen Manteltaschen überhaupt? 
Sie begutachtete ihn von oben bis unten. Wäre sie eine Wächterin könnte sie jetzt einen Biodatenscan machen. Dann wüsste so, was da in den Taschen war. 
Schokolade? Taschentücher? Ein Buch aus Papier? 
Nein, niemand wäre so leichtsinnig ein Buch aus Papier einfach in der Manteltasche in aller Öffentlichkeit zu tragen. 
Lys Blick kreuzte sich erneut mit dem Mann. Sie zuckte zusammen und drückte dann hastig auf den Tür-öffnen-Knopf. Es brachte nichts. Der Aufzug stoppte schließlich in der Etage für Kinderspielzeug und nicht dazwischen. 
Der Mann verließ den Aufzug stumm. Lys sah ihm nach. Er wirkte zu speziell, um schon Vater zu sein. Die Aufzugtür schob sich zusammen. Ihr kam der Mann verdächtig vor. In letzter Sekunde drückte Lys den Tür-Öffnen-Knopf. 
Hin und wieder gab es Einsätze gegen Einzeltäterinnen und Einzeltäter, die Chaos und Angst verbreiteten. 
Vielleicht war er so einer! 
Lys folgte ihm, auch wenn ihr Bauchgefühl Entwarnung gab. Ihre Neugier war geweckt. Als Wächterin könnte sie diesem Drang nicht einfach nachgeben. Aber sie war noch keine. Nur eine Anwärterin, eine Wärterin, eine Nanotechnologin, eine Programmiererin und keine Wächterin.
Er drehte sich um. Lys ging in die Hocke und versteckte sich hinter einer Herde Plüsch-Giraffen und Tannenbäumen. Nach einer Weile sah sie über den Auslagentisch. Der Mann hatte sich nicht gerührt und sah sie amüsiert an. 

<Willkommen im Laden! Benötigen Sie Assistenz durch einen Service-Bot oder wünschen Sie eine Beratung durch einen Menschen?>

Der Service-Bot stupste Lys ständig an und wiederholte seine Worte. 

»Sh! Ich will keine Beratung!«

<Dann möchten Sie vielleicht über unsere Angebote informiert werden? Heute erhalten Sie zwei zu eins—>

»Sh! Ich hab gesagt, ach egal.« Lys klappte den Deckel unter der Kamera des Bots auf und projizierte mit FOKUS eine Tastatur, woraufhin das freundliche Gesicht – zwei Kreise und ein U-förmiger Mund– verdunkelten. Der Roboter erstarrte und verstummte.
Wieso man euch nicht einfach so ausschalten kann, verstehe ich bis heute nicht.
Ihr Sichtfeld blinkte rot auf. FOKUS überlagerte ihr Blickfeld mit Textnachrichten.

Txt_input/ WARNUNG!

<Hacking an Zivilroboter erkannt!>

Lys Herz schlug schneller.

<Pulsschlag stark erhöht!>

Sie versuchte FOKUS auszuschalten.

<Lys Deĵoro, Sie haben folgendes Verbrechen begannen:

Umprogrammieren eines zivilen Roberts ohne Erkenntnis auf Gefährdung der Öffentlichkeit durch diesen Roboter.>

Verdammt! Was mach ich jetzt?

<Leite Übermittlung des Strafbestandes an Aekwitas weiter.>

Lys sprang auf. Nein! Was soll das?!

Sie tippte und wollte eine Fallakte ausfüllen. 
Verfolgung eines Verdächtigen.
Doch die Daten wurden jedes Mal gelöscht.

<Lys, was hast du denn schon wieder angestellt?>

Meneva?

<Gerade habe ich die Strafbestandübermittlung vom ASG Amerika bekommen und dass du wahllos hilflose Service-Bots hackst. In einer Woche bist du Wächterin. Diese Verantwortungslosigkeit muss aufhören. Das ist schon der vierte Roboter diesen Monat. Dein unpassendes Verhalten ist nicht tragbar für das ASG Asien. Wir müssen das behandeln. 
Lys, bitte begib dich nächste Woche zu einem Genesungshaus.>

Sie tippte auf ihrer projizierten Tastatur. Die Worte von Meneva, die Datenauswertungen und Infos, zeigte FOKUS allein ihr. 

»Heißt das, du löscht den Strafbestand?«

<Natürlich, sonst müsste ich eine neue Wächterin auswählen. Aber ich habe mich für dich entschieden.>

»Meneva, weißt du, ob der Mann gefährlich ist?«

<Hmm. Du zeigst ein ungewöhnlich starkes Interesse an ihm. Warum?>

»Nein, tu ich nicht!«

<Deine Daten sagen was anderes, Lys.>

»Was willst du mir unterstellen? Beantworte meine Frage, Meneva!«

<Kein Grund so zickig zu werden. Diese Hormone immer. Von ihm geht keine Gefahr aus.>

»Und wer ist das?«

>Ich habe deine Frage beantwortet, die den Schutz deiner Mitbürgerinnen und Mitbürger dient. Diese Frage jedoch, interessiert nur dich. Und könnte ich schmunzeln, würde ich jetzt schmunzeln. Nur als Info für dich.>

Lys sah sich im Kaufhaus um. Doch von ihm war keine Spur mehr.

»Es ist nur so selten, dass jemand meine Aufmerksamkeit weckt.«

<Lys, wenn es dich tröstet, etwas sagt mir, dass ihr euch beide bald begegnen werdet.>

Lys schloss FOKUS. Meneva konnte sowas eigentlich nicht äußern. In letzter Zeit war sie erstaunlich menschlich geworden. Manchmal jagte es Lys einen kalten Schauer über den Rücken, doch dieses Mal erfüllte es ihre Brust mit einer wohligen Wärme

<Der erste Schnee, die Begegnung und der Klang des Aufbruchs>

Eine kurze Geschichte zu <SELBST>/Korrektur Teil 2

Das neue Jahr zaubert den Menschen immer ein ganz bestimmtes Lächeln ins Gesicht. Fast als wäre vergessen, was davor geschah. Ein Neustart. Ich könnte nie vergessen, was war. Nicht, nachdem ich jenes Buch gelesen und die Wahrheit eigenhändig im alten Archiv heraus gegraben habe. Deswegen habe ich beschlossen, dass das neue Jahr mit dem Tod beginnt. Heute bete ich für meine Wiedergeburt. 

Thomas stand in der Schlange. Sie war lang, obwohl es mitten in der Nacht war. In ungefähr zwei Stunden würde die Sonne das neue Jahr in ihre warmen, doch distanzierten Infrarotstrahlen tauchen. Bis dahin galt es, zum Tempel zu fahren und die Glocke zu läuten. Obwohl es das Jahr 2291 war, hatte sich dieser Brauch gehalten. All die Jahre, durch all die Krisen und Katastrophen hinweg, bemühten sich die Menschen, in der ersten Nacht des neuen Jahres die Glocke zu läuten. 

Lächerlich.

Das traditionelle Dudeln der einfahrenden U-Bahn signalisierte ihm und den anderen Menschen, mehr Platz zu schaffen.
Wie ein Schwall strömten die Menschen von der U-Bahn durch den gebildeten Kanal hinaus aus dem Bahnhof.
Sicher hätte er in den großen Tempel direkt neben dem Bahnhof hingehen können, da, wo die meisten Menschen hin wollten. Aber eine Geburt sollte nicht im großen Trubel stattfinden, sondern in einem Ort, der Ruhe und Harmonie verbreitet.
Er kreiste seine Schultern und ließ den Nacken knacken. Er musste sich locker machen, um möglichst geschmeidig zu sein, wenn er gleich von verschiedenen Fremden in der Bahn zerquetscht wurde.
Thomas konnte über ein paar Teenager hinwegblicken, zum Fenster hinaus, das in der Tür eingelassen wurde.
Er hatte gehört, dass in Europa die Züge fast nur aus transparentem Material bestand, wie das wohl von außen ausgehen hätte, dieser Menschenbrei, den diese U-Bahn gerade transportierte.
Die Stadt glitzerte mit ihren vielen Drohnen am Himmel, den imposanten Wolkenkratzern und den mit LED behangenen Grünflächen. Nach den vielen dunklen Tunneln sog er das Lichtspektakel in sich auf.
Wo er hin wollte, würde es kein Licht mehr geben.
Ein Abschied von allen, die ihm wichtig waren. Ein stiller Abschied. Unfair gegenüber seiner Familie, aber es war besser so. Er musste die Wahrheit verbreiten. Der freie Wille, allein, dass das Wort gelöscht wurde aus allen Büchern, Magazinen, Filmen und Serien, aus den Gedanken und Wortschätzen der Menschen? 

Sicher auch selbstverschuldet. 
Niemand interessierte sich für diese unbequeme Wahrheit. Es gab alles. Umsonst. Ohne Anstrengung, ohne Fleiß. Man wurde geboren, man lebte, man starb.
Wiederholung. Wiederholung. Wieder—

Die U-Bahn hatte den Berg erklommen. In seiner Brust zog sich alles zusammen. Einige Tränen pressten sich aus seinen Tränenkanälen.
Die Metropole von hier zu sehen, war immer ihr Lieblingsort gewesen. Du hast mich immer verstanden. Du wirst wissen, wieso ich das tue, aber ich weiß, dass du mir niemals vergeben wirst, Lys.

Er löste die Umklammerung am Haltegriff über sich und wischte sich die Tränen ab.
Abschiede waren nie für immer. Damit ist er aufgewachsen. Jetzt das Gegenteil zu erfahren, brach etwas in ihm, von dem er nicht wusste, dass er es besaß.

»Endstation. Mirai-Tera. Mirai-Tera. Mirai-Tera. Bitte alle Fahrgäste aussteigen.«

Die Menschen schoben sich hinaus. Endlich dehnte sich seine Lunge wieder ganz aus. Thomas spürte, wie die Angst langsam nachließ. Doch seine zittrigen Hände signalisierten ihm, dass das nicht richtig war.
Er versuchte, den Kloß im Hals hinunterzuschlucken. Vergeblich.
Im Trott folgte er der Menschenmenge, die ebenfalls zum Tempel unterwegs waren.
Der Zukunftstempel, genannt Mirai-Tera, entstand, als Carnma fast die Welt zerstörte. An welche Gottheiten man hier um Beistand und Unterstützung bat, wusste Thomas nicht. Er tat es einfach.
Die Tempelanlage war groß. Sein Ziel war nicht der Haupttempel, sondern ein kleiner unauffälliger Schrein nahe einem kleinen Wasserfall.
Dieser lag einige Meter höher als der Haupttempel. Keuchen erklomm Thomas die zahlreichen Stufen. Immer wieder machte er Pausen und hauchte den warmen Atmen in seine taub werdenden Finger.
Jedes Mal, wenn er hierauf stieg, war er allein. Doch dieses Mal hörte er den Schlag der kleinen hellen Glocke. 
Eine zierliche Frau, gekleidet in einem rosafarbenen Mantel, mit aufwändigem Haarschmuck, klatschte in die Hände und senkte den Kopf.
Es gab wenige LED-Laterne, sodass er sich ihr nähern musste, um ihr Gesicht zu erkennen.
Unter ihrem Mantel ragte ein edler, mit Goldfäden bestickter Kimono hervor. Selten sah man noch die einst traditionelle Kleidung.
Jemand, der sich in etwas so Unbequemes zwängen konnte, könnte jede Wahrheit ertragen, oder?
Die Frau verbeugte sich und wandte sich ihm zu.

»Ziemlich unhöflich, jemanden beim Beten zu beobachten.«

Thomas zuckte zusammen.

»Es war nur—«

Sie lachte. »Schon gut. Mein Outfit zieht sowieso alle Blicke auf sich. Das soll es auch.«

»Warum?«

»Weil ich so das Gefühl habe, ich selbst sein zu können, und nicht einfach nur irgendjemand, der etwas für alle tut.«

Sie schreckte zusammen und hielt ihre Hand vor dem Mund.

»Das hab ich nicht so gemeint, wie es klang.

Ich wollte sagen—«

Thomas schloss für eine Weile die Augen, um FOKUS auszuschalten. »Du hast es gelesen, oder?«

»Der Wald ohne Zugang? Meinst du das?«

»Nein, doch nicht diesen kommerziellen Mist.«

»Yu Kishidas Bücher sind zwar Bestseller, aber im Subtext, steckt viel drinnen.«

Thomas stutzte.

»Ich meinte, jenes in Ledergebundene, das hier in der Spendenbox ruht.«

Thomas ging auf sie zu, er täuschte eine Bewegung an, die Spendenbox zu öffnen, griff aber dabei in die Manteltasche der Unbekannten.

»Ich meinte, das hier.«

Sie wich zurück.

»Bist du einer vom ASG? Ich werde nicht wieder in eine Rehabilitationsanstalt gehen. Ihr habt meinen Mann und mein Kind getötet. Ich weiß nicht mal, wieso!«

Thomas schmunzelte. »Ich vom ASG?«

Sein lautes Lachen hallte durch die Berge.

»Tatsächlich ja. Ich bin Archivar. Aber heute sterbe ich, um wiedergeboren zu werden.«

»Was soll das bedeuten?«

Thomas näherte sich ihr und ließ mit einer Hand das Buch zurück in ihre Manteltasche gleiten und strich ihr mit der anderen Hand sanft übers Gesicht.

»Als ich herkam, dachte ich, ich müsste es alleine angehen. Verlassen von allen. Im Kampf gegen die quantenmechanischen Bestien. Aber dann standest du hier. Hast gebetet. Allein, das ist etwas Besonderes. Das ist ein Zeichen.«

»Wovon sprichst du?«

Thomas entfernte sich von ihr. Er genoss die klirrende Luft in seinen Lungen, das Brennen, das sie verursachte, und blickte auf die Menschenmenge am Haupttempel herab.

»Sieh sie dir an. Gedankenlos, gesteuert von den KI, den Ältestenrat und den heroischen Wächtern. Jeden Tag durchlaufen sie ihre Funktion. Ohne eigene Gedanken zuzulassen. Ohne die Welt mit ihren Augen zu sehen. Sie hören, was sie hören wollen. Sie sagen, was schon tausende Male gesagt wurde. Dann verstummen sie. Und die nächste Generation ersetzt sie. Wiederholung um Wiederholung. Das endet jetzt! Das ist kein Leben. Das ist eine Funktionsweise, die ich beenden werde!«

Er öffnete seine Arme und blickte ihr tief in die Augen.

»Unbekannte, deren Namen mir nicht offenbart wurden, ich höre den Schmerz in deiner Stimme.«

Er ging auf sie zu, griff nach ihren Händen und sah sie lange an.

»Willst du an meiner Seite sein, wenn ich der Welt das schenke, was sie verloren hat?«

»Ich heiße Aster Charles.«

Ihre kühlen Finger glitten in seine.

»Du bist etwas wahnsinnig, wenn du denkst, dass du die KI und das System umkrempeln kannst, -«

»Thomas Redwood.«

»Thomas. Aber dieser Wahnsinn macht es vielleicht das Unmögliche möglich.«

Sie küsste ihn zärtlich.

»Sollte es schneien, werde ich bedingungslos an deiner Seite stehen.«

»Schnee? Was hat Schnee damit zu tun? Du musst es in dir fühlen. Dieses Feuer! Das Begehren nach Fortschritt! Nach Gerechtigkeit!«

»Sie löste sich von ihm. »Als ich meinen Mann kennenlernte, schneite es. Das ist fast zehn Jahre her. Schnee ist mittlerweile so selten geworden, dass es kein Zufall sein kann, wenn er fällt. Verstehst du?«

Thomas schmunzelte.

»Du willst wissen, ob ich nicht nur bluffe? Einverstanden.«

Er ging zu einem der nahegelegenen Getränkeautomaten, trat mit voller Kraft dagegen und löste ein Modul heraus.

Keuchend und mit leicht blutigen Fingern fummelte er an dem Gerät herum. Er schloss einiges zusammen mit den Inhalten, die er in seinen Jackentaschen fand, und legte es in seine Handfläche.

»Ich lasse es für dich schneien. Ich nehme mit dir Rache für deinen Verlust. Gemeinsam können wir die Welt zu einem besseren Ort für alle machen.«

Aster kam auf ihn zu.

»Ich dachte, du hast ein Hologramm gebaut. Aber das ist wirklich beeindruckender.«

»Es ist ganz einfach: durch die Lichtbrechung und die minimale Bewegung wirken die Sterne wie fallende Schneeflocken.«

Er stopfte das Konstrukt in seine Tasche.

»Wie sieht's aus, Aster Charles? Wirst du mit mir die Welt retten?«

»Ich kenne dich nicht, aber ich spüre eine Verbindung zwischen uns. Und ich habe bereits alles verloren. Die Welt soll erfahren, wie sich das anfühlt.«

Thomas lachte heiter. Er stürmte zur Glocke und ließ sie einige Male erklingen.

»Von heute an beginnt ein neues Leben. Für uns und alle anderen.«

 

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